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Langsam fließende Bewegungen, in stolzer Aufrichtung, eingebunden in die Kräfte von Himmel und Erde. Den Schwerpunkt nach unten verlagert und in der Mitte zentriert. Atmung und äußere Bewegungen in Harmonie. Anspannung und Entspannung wechseln fließend. Kein Abschalten, sondern ein Aufmerksam-Werden: Hellwachsein nach innen und nach außen, darum geht es. Tai Chi Chuan, vielen auch als „Chinesisches Schattenboxen“ ein Begriff, ist eine gymnastische Bewegungen mit Atem- und Meditationsübungen verbindende Form der Gesundheitsförderung aus dem alten China. Im Rheingau-Taunus-Kreis erfreut es sich wachsender Beliebtheit, die Wellness-Bewegung und das Bedürfnis nach gesunder Betätigung haben die Nachfrage in den vergangenen Jahren stetig wachsen lassen. So bietet die Volkshochschule Rheingau-Taunus ebenso Kurse in Tai Chi und Qi Gong an wie viele Vereine und Sportstudios im Rheingau und Untertaunus.

Im Zentrum von Tai Chi steht die Erweckung, Stärkung und Anwendung der jedem Körper innewohnenden Lebensenergie, dem „Chi“. Durch Meditation, Konzentration und Entspannung während der einzelnen Übungen sollen die inneren Blockaden und Verspannungen aufgehoben und die im Körper verlaufenden Meridiane „geöffnet“ werden, so dass das Chi ungehindert fließen kann. Wer regelmäßig Tai Chi betreibt, so sind nicht nur viele Chinesen überzeugt, baut Stress ab und vermeidet ihn, gewinnt innere Ruhe, Ausgeglichenheit, beugt Krankheiten vor und bleibt gesund bis ins hohe Alter.

„Tai Chi“ meint in der taoistischen Philosophie den Ursprung von Himmel und Erde, die Mutter des polaren Gestaltungsprinzips „Yin und Yang“. „Tai Chi“ kann als das „höchste Prinzip“ übersetzt werden. Das traditionelle Tai-Chi-Symbol verdeutlicht diesen Zusammenhang: Yin (schwarz) und Yang (weiß) sind ineinander verschlungen und gehen auseinander hervor. Erst beide zusammen bilden eine harmonische Einheit, das Ganze, das als Kreis dargestellt ist. Für ein Bewegungssystem bedeutet dies, dass Anspannung (Yang) und Entspannung (Yin), Vorwärtsdrängen (Yang) und Zurückweichen (Yin), Öffnen (Yang) und Schließen (Yin) fließend ineinander übergehen und zu gleichen Teilen im gesamten Verlauf präsent sind. Niemals darf nur eine Qualität allein ausgeprägt sein!

Die Kombination der Silben „Tai chi“ und „Chuan“ (übersetzt „Faust“) deutet aber auch auf den Aspekt des Kampfes im Tai Chi Chuan hin. Dieses Bewegungssystem ist als Synthese aus uralten Kampfkünsten, Atemtherapien und Meditationspraktiken entstanden. Das genaue Entstehungsdatum des Tai Chi Chuan ist unklar, hierzu gibt es viele Legenden. Klar aber ist, dass das in den vergangenen Jahrhunderten sich herausbildende Tai Chi Chuan Vorgänger hatte, die mehrere tausend Jahre alt sind. Als eigentlicher Begründer des modernen Tai Chi gilt heute Chen Wang-Ting (1597 – 1664). Der Chen-Stil ist somit der älteste der aktuellen Tai-Chi-Stile, aus dem alle anderen Formen entwachsen sind.

Stand früher die Selbstverteidigung stärker im Vordergrund, so gewinnt nun immer mehr der Gesundheitsaspekt des Tai Chi an Bedeutung. Das regelmäßige und richtige Üben der „Form“, so wird eine Zusammenstellung festgelegter Bewegungsfolgen genannt, hat erwiesenermaßen positive Auswirkungen auf den Gesundheitszustand des Menschen. Die Bewegungslinien in den Tai Chi-Formen sind grundsätzlich rund, bogen- oder kreisförmig. Arme und Beine bewegen sich in grazilen Kreisen und Bogenschwüngen, auch die Füße bewegen sich in Kurven und Bögen und vermeiden jegliche Ecken in der Bewegungsführung. Die Atmung bleibt gleichmäßig, der Atem wird niemals angehalten, sondern fließt natürlich. Bewegung und Atmung haben sich aufeinander eingestellt.

Medizinisch gesehen ist Tai Chi vor allem ein präventives Übungssystem zur Stärkung der vitalen Kräfte. Tai Chi hilft bei der Verbesserung der Atmung, stabilisiert das Herz-Kreislauf-System, unterstützt Haltungskorrekturen. Wobei die Dehnung und Streckung der Wirbelsäule in ihrer gesundheitsfördernden Wirkungsweise besonders hervorzuheben sind. Der bewusste Umgang und die Bedeutung der Bein- und Fußarbeit sowie die Verlagerung des Körperschwerpunktes nach unten entlasten die Wirbelsäule und stärken Beine und Füße. Vielen Europäern besonders wichtig ist in unserer heutigen Zeit jedoch die entspannende Wirkung des Tai Chi. „Gedanken sind wie tausend Knoten und zehntausend Fäden“, heißt es in einer alten chinesischen Weisheit. Die Konzentration er Gedanken auf die Bewegungsweise im Tai Chi fixiert die Aktivitäten des Großhirns vorwiegend auf die motorischen Zentren und hemmt andere Bereiche der Großhirnrinde. Diese können sich während der Übungen also erholen und regenerieren.

Entspannung nach dem Stress des Alltags, mehr Beweglichkeit und Stabilität, mehr körperliche und seelische Ausgeglichenheit steht denn auch im Mittelpunkt der wöchentlichen Übungsstunden beim Tai Chi Verein Taunusstein, einem der wenigen Vereine im Landkreis, der sich ausschließlich Tai Chi und Qi Gong widmet. Im Jahre 1994 gründeten sieben Begeisterte den Tai Chi Verein im heute knapp 30 000 Einwohner zählenden Taunusstein. Sie alle kamen aus den „Rückenschulen“ der Krankenkassen, die im Zuge der verschiedenen Gesundheitsreformen dann bald wieder abgeschafft wurden. Trotzdem hatten sie eine heilsame Wirkung: Das Interesse der Taunussteiner am Tai Chi war geweckt! Dies war in den 50-er Jahren von China in die USA gekommen und von dort dann in den 70-er Jahren nach Europa.

Der Tai Chi Verein Taunusstein hat heute rund 60 Mitglieder und widmet sich ausschließlich dem Tai Chi und dem Qi Gong. Qi Gong ist ein ganzheitliches System mit Selbstheilungstechniken, das gesundheitsfördernde Körperhaltung, Bewegung, Selbstmassage, Atemtechniken und Meditation umfasst und wird in Taunusstein im Kurssystem unterrichtet. Zweimal in der Woche, immer montags und freitags, gibt es zudem Übungsstunden in Tai Chi Chuan, je nach Können und Erfahrung gestaffelt. Der Verein ist Mitglied im Hessischen Turnerbund, seine Übungsleiter verfügen über die entsprechenden Lizenzen und haben zusätzlich Zertifikate bei bekannten chinesischen Tai Chi-Meistern und Großmeistern erworben. Zusätzlich bietet der Verein ein- bis zwei Mal im Jahr Workshops und Seminare mit Großmeistern wie Dr. Wang Zhi Xiang aus Shanghai an, was Interessierte aus ganz Deutschland und sogar dem europäischen Ausland nach Taunusstein lockt. Dies ist immer eine große Herausforderung für den achtköpfigen Vorstand: Es müssen Hallen reserviert, Flüge und Hotels für die Meister gebucht, es muss Werbung gemacht werden. Denn nur wenn die Unkosten gedeckt werden, können die Meister im nächsten Jahr wieder eingeladen werden.

Wobei alle, die Tai Chi Chuan betreiben, eine gemeinsame Erfahrung verbindet: „Der Weg ist das Ziel“, heißt es in einer fernöstlichen Weisheit. Beharrlichkeit und Ausdauer ist gefragt, wer Tai Chi nicht nur als modernen Trendsport verstehen will. Also heißt es, die Formen unablässig und geduldig zu üben. Einzelne Bewegungsabläufe haben solch schöne Namen wie „Der Kranich breitet seine Flügel aus“. Dies zeigt auch, dass viele Elemente des Tai Chi Chuan aus Naturbeobachtungen entwickelt wurden.

Weitere Informationen im Internet unter www.tai-chi-verein-taunusstein.de

Landessportbund Hessen